Zugegeben - das Augenzwinkern im ARD Brisant-Beitrag ist nicht zu übersehen. Der zuständige Redakteur hatte bereits beim Gespräch im Sender durchblicken lassen, dass dies in einer Unterhaltungssendung nicht zu vermeiden sei - doch er zeigte sich offen für Fakten und bereit, wichtige Zeugen sprechen zu lassen. Wir überließen ihm unser Interview mit Apollo-Astronaut Edgar Mitchell, das dieser unter Nennung der Quelle auch im Beitrag verwendete.
Dass es auch ohne jegliche anstrengende Recherche geht, beweist hingegen der Beitrag des Mittagsmagazins PUNKT ZWÖLF von RTL. Nur kurz wird auf den interessanten Inhalt der freigegebenen Akten eingegangen - die Sichtung eines Alitalia-Piloten und eine UFO-Sichtung über dem deutschen Fliegerhorst Laarbruch. Der größte Teil des Beitrags beschäftigt sich mit den wenigen obskuren Meldungen aus dem Archiv und mit gefälschten UFO-Videos aus dem Internet, deren Authentizität nie ein ernstzunehmender UFO-Forscher angenommen hat. In einer Umfrage wählten die Redakteure des Beitrags die knuffigsten Passanten aus, und um deren Aussagen noch lächerlicher erscheinen zu lassen, wurde ein herumschwirrendes UFO ins Bild gebastelt.
Man pflegt die humanozentrische Projektion eigener Vorstellungen auf das Fremde. Eine Passantin sagt: "Die Wahrscheinlichkeit, dass sie uns hier finden ist so gering, dass ich auch nicht glaube, dass hier ständig alle zwei Tage ein UFO vorbeifliegt." Eine andere Dame, selbst nicht gerade Miss Universe, würden den Lebewesen nur dann Hallo sagen, wenn sie nicht hässlich sind.
Der eines deutschlandweit ausgestrahlten Berichts unwürdige Zweieinhalbminüter endet mit einer ungeheuerlichen Falschaussage: Die Briten würden ihre "Alien-Archive" nur alle 17 Jahre öffnen. Man muss sich schon fragen, ob die RTL-Redakteure vielleicht nicht lesen können, oder nicht alle Untertassen im Schrank haben, oder gar beides. Dass die Briten die letzten Akten erst im Mai 2008 freigaben, hatten schließlich alle Nachrichtenagenturen berichtet.
Der amerikanische Fernsehsender ABC NEWS berichtet am 20. Oktober über die neuen alten UFO-Akten aus Großbritannien. Immerhin: Man erfährt von der wichtigsten europäischen UFO-Sichtung - dem sogenannten Rendlesham Forest Fall im Dezember 1980, als ein UFO neben einer Militärbasis landete und von mehreren Sicherheits-Sergeants umrundet und genau dokumentiert wurde. Erhöhte Strahlungsrückstände an der Landestelle werden ebenso erwähnt wie die Audio-Aufnahmen aus dieser Nacht. Der ehemalige Mitarbeiter des britischen Verteidigungsministeriums Nick Pope sagt: Ich habe keine Erklärung für diesen Vorfall.
Relativiert werden diese Fakten durch UFO-Enthusiasten, die auf Fotos von Nebelschwaden Außerirdische zu erkennen glauben, die dem beschaulichen Wäldchen auch heute noch Besuch abstatten. "Sie haben uns gesagt, sie wollen keine Fotos, weil sie das Blitzlicht nicht mögen", sagt die Frau im Beitrag. "Alles klar", antwortet der Reporter da zögerlich.
Dennoch: Der Bericht schließt mit der Vermutung, dass wir gegenwärtig auf die Kontaktaufnahme vorbereitet werden. Hat der allmähliche Enthüllungsprozess bereits begonnen? ABC NEWS zufolge könnte dies durchaus der Fall sein.
Im Mutterland der UFO-Akten berichtete unter anderem SKY NEWS über die Veröffentlichung. Hier erfuhren die Zuschauer mehr Details über einen Piloten, der im Jahr 1957 den Befehl erhielt, ein UFO über der Stadt Norridge abzuschießen - dieser wurde im BRISANT-Beitrag nur kurz erwähnt. Milton Torres war damals junger Kampfflieger und ist sich bis zum heutigen Tage sicher, dass das, was er damals gesehen hat, "so etwas wie ein außerirdisches Raumschiff" war. Es flog rechte Winkel, ohne die geringste Spur von Massenträgheit, und verschwand mit geschätzten MACH 10, als Torres sich dem Objekt näherte.
Interessant auch, dass Torres am nächsten Tag von einem Mitarbeiter der NSA Besuch bekam, der ihm nahelegte, über das, was er gesehen hatte, besser den Mund zu halten. Warum kommt uns diese Geschichte so bekannt vor?
Märchenstunde mit Werner Walter
Zurück nach Deutschland: Unter der Überschrift "Flug und Trug" berichtete die Nachrichtensendung MDR AKTUELL über die Veröffentlichung britischer UFO-Akten. Was Nachrichtensprecher Jens Hänisch sich zur Anmoderation des Beitrags einfallen ließ, fällt in eine Kategorie, die selbst Journalistenkollegen nur vorsichtig mit "pseudo-intellektueller Selbstgefälligkeit" zu umschreiben wagen:
"Die britische Regierung hat ihr UFO-Archiv geöffnet und sorgt damit gleich wieder für UFO-Alarm in einigen Köpfen. Das erstaunlichste an der Liste von skurriler Lichterscheinungen und Sichtungen unbekannter Flugobjekte ist vielleicht die Tatsache, dass sich in offiziellen Regierungsstellen wie Verteidigungsministerium oder Geheimdienst tatsächlich Menschen damit beschäftigt haben. Vielleicht steckt da ja der Wunsch dahinter, wir Erdenmenschen mögen bitte nicht allein sein im All."
Aha. Herr Hänisch möchte seine Fernsehzuschauer offenbar glauben machen, dass er bereits alle Ecken des Universums besucht hat und genau weiß, dass es dort niemanden Nennenswertes gibt - niemanden außer ihm selbst. Millionen Pfund an Steuergeldern hätten bei der jahrzehntelangen UFO-Untersuchung gespart werden können - hätte man doch nur Herrn Hänisch gefragt.
Auch der dazugehörige Fernsehbeitrag lässt an Eigenrecherche zu wünschen übrig: Nur der Fall des Beinahe-Zusammenstoßes eines Alitalia-Jets mit einem "braunen, raketenähnlichen Ding" wird kurz umrissen - dafür lässt sich der Autor ganze 23 Sekunden Zeit. Worum es bei den UFOs tatsächlich gehe, erfahren die Zuschauer von einem Mitarbeiter der Thüringer Landessternwarte: Helle Sterne, Sternschnuppen oder Kondensstreifen von Flugzeugen.
Wer nun ob der lauen Recherche unbefriedigt zurück blieb, auf den wartete der selbsternannte UFO-Experte und Hobbyastronom Werner Walter. Ihm gelingt das - so scheint es - woran sich vorher die Experten im Verteidigungsministerium die Zähne ausgebissen haben. Man muss schon genau hinhören, um zu verstehen, auf welche Weise hier eine simple Erklärung des Alitalia-Beinahezusammenstoßes suggeriert werden soll:
Doch um es klar zu sagen: Wer hier Märchen erzählt, ist Werner Walter selbst.
1. Ein solcher Solar-Zeppelin steigt, wie Walter einst auf seiner eigenen Webseite beschrieb, manchmal "bis zu mehrere hundert Meter" hoch. Aus der britischen Akte über den Alitalia-Zwischenfall geht jedoch hervor, dass der Beinahe-Zusammenstoß sich in einer Flughöhe von 22,200 Fuß ereignete - das entspricht einer Höhe von rund 6.766 Metern. (vgl. DEFE 24-1953-1, S. 76, 77). Ein Solar-Zeppelin kann diese Höhe jedoch nicht erreichen.
2. Wie das Verteidigungsministerium mitteilte, verfügte selbst das Militär damals nur über zwei Arten von Boden-Luft-Raketen, die in der Lage gewesen wären, eine Höhe von 22.000 Fuß zu erreichen. (vgl. DEFE-24-1955-1, S. 108). Sollte ein Kinderspielzeug das Armee-Spielzeug übertrumpft haben?
3. Der Vorfall ereignete sich am 21. April 1991 über der Stadt Lydd (Grafschaft Kent) in England. Die von Walter bemühte Kinderzeitschrift YPS erschien jedoch nicht in England, sondern in Deutschland, Österreich, der Schweiz und in Luxemburg. (vgl. Wikipedia).
4. Selbst die von Walter behauptete Zeitangabe stimmt nicht: Der fragliche Zeppelin wurde ein Jahr zuvor, am 22. Mai 1990 in Ausgabe 756 veröffentlicht - und dann erst wieder am 4. Juni 1991 (Ausgabe 809) - also fast zwei Monate NACH dem UFO-Vorfall. (vgl. ypsfanpage.de - Vielen Dank für die Recherche!)
5. Walters "Solar-Zeppelin" soll also nicht nur in einer Höhe von über 6.000 Metern ein Flugzeug gekreuzt haben - er tauchte auch auf dem Radar auf. (vgl. DEFE 24.1953-1, S. 77). Der handschriftliche Bericht des Piloten hält dazu fest: "Als das Objekt vorüber war, fragte ich den Radarlotsen, ob er etwas aus seinem Schirm sehe, und er antwortete: 'Ich sehe ein unbekanntes Ziel 10 nautische Meilen hinter Ihnen'." Was für ein Teufelszeug, diese Zeppeline.
Für seriöse deutsche UFO-Vereine lohnt es sich, die Öffentlichkeitsarbeit ernst zu nehmen. Journalisten müssen ihren Bericht meist unter ungeheurem Zeitdruck fertig stellen. Wenn kein passender Ansprechpartner zur Verfügung steht, bedienen sie sich notgedrungen der üblichen Klischees. Eine Zusammenarbeit mit Journalisten ist unbedingt erforderlich. Wer dafür nicht bereit ist, braucht sich hinterher auch nicht zu beschweren, dass in den Medien Unfug verbreitet wird.

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