Kolumne Chase Brandon und seine magische Schachtel
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Chase Brandon (Quelle: YouTube)Vor 65 Jahren fiel in Roswell, New Mexico, etwas vom Himmel, das bis heute im Mainstream die UFO-Debatte beherrscht. Nun hat erneut ein Insider „ausgepackt“. Was steckt dahinter?

 

 

Von Robert Fleischer
Am 23. Juni 2012 ließ Chase Brandon die Bombe platzen: „Es war ein Fluggerät, das ganz klar nicht von diesem Planeten kam, es stürzte ab und ich zweifle nicht eine Sekunde an, dass die Worte „Überreste“ und „Kadaver“ genau das besagten, worüber die Leute sprachen“, erklärte der Ex-CIA-Agent Chase Brandon in der populären Radioshow „Coast to Coast AM“. Und der britischen Zeitung Daily Mail verriet er: „Es war kein Wetterballon – es war das, was die Leute zuerst berichtet haben“. Sein Insider-Wissen über den Roswell-Vorfall entstamme dem Inhalt einer Schachtel, über die er vor Jahren in einem internen CIA-Archiv in Langley, Virginia gestolpert sei: „Es war ein geschützter Bereich, der nicht für jeden zugänglich war“, erzählte er der Huffington Post. „Eines Tages schaute ich mich dort um und las auch einige der zumeist per Hand beschrifteten Registerkarten auf den Schachteln. Und da war diese eine Schachtel, die mir ins Auge fiel. Darauf stand ein Wort: Roswell.
Was er darin fand, beschreibt Brandon als „den einen Moment, der alles bestätigt hat, was ich und viele andere Leute glaubten, was tatsächlich geschehen war.

AHA.
Die Offenbarung des Roswell-Rätsels befindet sich also in einem versteckten Archiv im Hauptquartier der CIA. Wo sonst. Doch was genau in der Schachtel war, darf der Ex-Mitarbeiter natürlich nicht verraten: „Unter keinen Umständen werde ich Ihnen sagen, was genau ich darin gesehen habe. Da waren Materialien, Papiere und andere Sachen. John, 100%ig garantiert, in meinem Herzen und meiner Seele sage ich: „Roswell ist geschehen.
Ist das der Beweis dafür, dass die US-Regierung seit 65 Jahren die Existenz außerirdischer Besucher auf der Erde vertuscht? Immerhin war Chase Brandon einst eine große Nummer bei der CIA: 25 Jahre im Undercover-Einsatz in Sachen internationaler Terrorismus, Drogenhandel und Aufstandsbekämpfung. Die letzten 10 Jahre arbeitete er im CIA-Direktorat als der erste offizielle „Verbindungsoffizier“ zur Unterhaltungs- und Verlagsbranche, mit dem, wie es auf seiner Webseite heißt, „naheliegenden Vorbehalt, Produzenten, Regisseuren, Schauspielern und Drehbuchschreibern ein sachliches, realistisches Bild der CIA zu vermitteln und keine geheimen Informationen über Quellen und Methoden des sensitiven ‚Handwerkzeugs‘ oder über Technologien“ zu verraten.“ Eine kleine Kostprobe seines Könnens zeigte er in einer Dokumentation über das geheime CIA Trainingsprogramm, die auf YouTube zu sehen ist. Tatsächlich wirkte er an mehreren Hollywood-Streifen als „Berater“ mit: Der Staatsfeind Nr. 1 (1998), Der Anschlag (2002), Der Einsatz (2003).  Auch die Macher der Fernsehserien Alias und 24 durften auf seine Unterstützung zählen. Einzige Bedingung: „Der Film muss fair und ausgeglichen sein“, erläuterte Brandon in einem Zeitungsinterview, „Wir versuchen nicht, die Agency zu beschönigen. Auch wir liegen manchmal falsch und wenn Filmemacher unsere Einsatzfehler zeigen wollen, ist das in Ordnung. Fehler passieren eben – aber sie haben nichts mit Verschwörungen zu tun. Niemand von uns handelt gegen die besten Interessen von Amerika.  Bei uns herrscht ein Ausmaß an Integrität und Patriotismus, das man sich in der Öffentlichkeit kaum vorstellen kann.“ 

Die rote Zelle
In der Tat kann die Öffentlichkeit sich „kaum vorstellen“, wie weit das Bestreben der CIA reicht, die „besten Interessen von Amerika“ in den Massenmedien durchzuboxen. So gelangte im Frühjahr 2010 ein vertrauliches CIA-Dokument an die Öffentlichkeit, in dem Strategien erörtert werden, den Rückhalt der Bevölkerung in Deutschland und Frankreich für die andauernde Afghanistan-Mission zu sichern. Der Titel: „Erhaltung der westeuropäischen Unterstützung für die NATO-geführte Mission – warum wir nicht auf die Trägheit zählen können“.
Verfasst wurde es von Propaganda-Experten der „Red Cell“, einer CIA-Einheit, die nach dem 11. September 2001 gegründet worden war, um „Gedanken zu stimulieren und alternative Sichtweisen auf die volle Bandbreite analytischer Angelegenheiten“ anzubieten. Bislang sei den meisten Deutschen und Franzosen der Krieg in Afghanistan ziemlich egal gewesen, schrieben die PR-Leute darin. Doch durch Ausweitung der US-Kriegspläne in diesem Land befürchteten sie offenen Widerstand in der Bevölkerung: „Wenn die Vorhersagen eines blutigen Sommers in Afghanistan eintreten, könnte das passive Unbehagen der Franzosen und Deutschen in eine aktive und politisch machtvolle Gegenreaktion umschlagen“. Um dies zu verhindern, empfahlen die CIA-Strategen „maßgeschneiderte Botschaften“, um die öffentliche Meinung in beiden Ländern zurecht zu biegen. Da man in Frankreich vor allem auf afghanische Zivilisten und Flüchtlinge fokussiert sei, solle man betonen, dass eine Niederlage der ISAF-Truppen möglicherweise schlimme Konsequenzen für die afghanische Bevölkerung hätte. Deutsche hingegen, erklärten die Strategen, seien am besten bei ihrer Angst vor Terroranschlägen zu packen. So sollten „Nachrichten, die zeigen, wie eine Niederlage in Afghanistan Deutschlands Verletzlichkeit für Terrorismus, Opium und Flüchtlinge erhöht“ dabei helfen, Skeptikern den Krieg schmackhafter zu machen. Mit „Beweisen für Fortschritte am Ort“ sollen Kritiker „muted“ – also zum Schweigen gebracht werden. Um den ISAF-Einsatz menschlicher erscheinen zu lassen, empfahlen sie, afghanische Frauen einzusetzen. Diese seien „ideale Botschafter“, um die „weit verbreiteten Zweifel“ an dem Einsatz zu zerstreuen.

Der interne Propagandaplan für Frankreich und Deutschland zeigt: Die CIA überwacht nicht nur genauestens die Stimmung in der Bevölkerung, sondern unternimmt offenbar mit Hilfe von Massenmedien auch aktive Schritte, um diese im Interesse der USA zu formen. Chase Brandons Tätigkeit als PR-Agent der CIA, seine „Unterstützung“ für Hollywood & Co., ist also nur die Spitze des Eisbergs. Welches Ziel verfolgt Brandon also mit seiner Behauptung, in Roswell sei tatsächlich ein UFO abgestürzt? Streut er etwa Desinformation im Auftrag der CIA – und zu welchem Zweck?

CIA-Stimmungsmache gegen UFOs
Tatsächlich reichen die Versuche der CIA, Einfluss auf die UFO-Berichterstattung zu nehmen, bis in die 50er Jahre zurück. Damals waren die Zeitungen voll von ständig neuen Meldungen über UFOs, die sich gern in der Nähe von militärischen Einrichtungen herum drückten. Ein leitender Beamter der CIA bemerkte dazu in einem Memo: „Sichtungen unerklärter Objekte, die in großer Höhe und mit hoher Geschwindigkeit in der Nähe wichtiger US-Verteidigungsanlagen gemacht werden, können nicht mit Naturphänomenen oder bekannten Flugzeugtypen erklärt werden.“ Man befürchtete zudem, die Sowjets könnten das gesteigerte Interesse der US-Bevölkerung an UFOs nutzen, um eine Massenhysterie und Panik in der Öffentlichkeit auszulösen. Um der Situation Herr zu werden, berief die CIA 1953 das sogenannte „Robertson Panel“ ein. Die geheime Kommission betrachtete die „fortgesetzte UFO-Berichterstattung“ als Bedrohung für die „ordnungsgemäße Funktionsweise“ der Regierung und empfahl „unverzügliche Schritte“ zu unternehmen, um „den UFOs ihren Sonderstatus und die Aura des Mysteriösen zu entziehen, die sie unglücklicherweise erlangt“ hätten. Dies, so die CIA-Kommission, sei am besten durch ein „integriertes Programm“ zu erreichen, durch das „die Öffentlichkeit von dem absoluten Nichtvorhandensein von Beweisen für fremde Mächte hinter dem Phänomen“ überzeugt werden sollte. Offiziell wurden die Empfehlungen des Robertson Panels niemals durchgeführt. Dennoch wandelte sich allmählich die Berichterstattung in den Massenmedien. Hatte man vorher noch zumeist unbefangen über UFO-Sichtungen berichtet, bemühten sich TV und Presse fortan, das Phänomen wegzuerklären. Ein Beispiel dafür ist eine Dokumentation des TV-Senders CBS aus dem Jahr 1966. In „UFO: Friend, Foe or Fantasy“ erklärte der berühmte TV-Mann Walter Chronkite seinen Zuschauern, dass alle Sichtungen auf banale Gründe zurück zu führen seien – kein Grund, sich Sorgen zu machen Was er seinen Zuschauern jedoch nicht sagte: Bei der Erstellung des Films hatte CBS Unterstützung erhalten – von niemand geringerem als Thornton Page, einem Mitglied des famosen Robertson-Panels der CIA.
Dass die CIA Einfluss auf Massenmedien nimmt, um (nicht nur) die UFO-Berichterstattung zu beeinflussen, ist demzufolge keine haltlose Verschwörungstheorie, sondern historische Tatsache. Der Verdacht drängt sich auf, dass Chase Brandon im Auftrag seines alten Arbeitgebers über Roswell sprach. Doch warum sollte die CIA, die jahrzehntelang bemüht war, UFO-Meldungen herunter zu spielen, ein Interesse daran haben, dass Roswell nun erneut in die Schlagzeilen gerät? Das wäre doch unlogisch, oder?

Das Rüstzeug der Meinungslenker
Wir können davon ausgehen, dass die CIA ihre Hausaufgaben gemacht hat. Die Fähigkeit, die öffentliche Meinung jederzeit wunschgemäß lenken zu können, haben Geheimdienste der USA und weltweit zweifellos durch jahrzehntelange Praxis perfektioniert. Die Kontrolle der öffentlichen Meinung setzt einerseits voraus, dass die Bevölkerung nur über ausgewählte Informationen verfügt, über die sie sich überhaupt Gedanken machen kann (Informationskontrolle). In welche Richtung diese Denkprozesse in der Masse führen, lässt sich andererseits anhand der Assoziationen steuern, die  zwischen diesen Informationen entstehen. Den wissenschaftlichen Unterbau dazu hatte bereits 1895 der französische Psychologie Gustave Le Bon in seinem Grundlagenwerk „Die Psychologie der Massen“ geliefert. Seine Theorien sind bis heute das Rüstzeug für ganze Heerscharen von Meinungsmachern: Politiker, Werbe- und PR-Agenturen, Finanzmarktjongleure und Geheimdienste. „Die Masse denkt nicht logisch“, heißt es darin, „sondern in Bildern, die häufig durch einfache Sprachsymbolik hervorgerufen werden“. „Sie denkt einseitig grob und undifferenziert im Guten wie im Bösen.“ Und: „Die Masse urteilt durch vorschnelle Verallgemeinerung von Einzelfällen.

Ausstellung: 65 Jahre RoswellGedankenbahnen ebnen

Der Einzelfall „Roswell“ indes ist uns allen wohl bekannt.  Jeder denkt sofort an „Roswell“, wenn er von UFOs hört. Schließlich berichten Massenmedien jedes Jahr im Juli immer wieder aufs Neue von Zehntausenden UFO-Freaks, die in das verschlafene Kaff nach New Mexiko pilgern, um den Jahrestag des UFO-Absturzes zu feiern. Alles Spinner, versteht sich: „Sie kostümieren sich als Aliens, zuckeln in selbstgebauten Papp-Ufos über die Straße, schlurfen durchs Ufo-Museum, dozieren über fliegende Untertassen - und manchmal auch darüber, wie sie von solchen entführt wurden“, schreibt etwa der Spiegel. Doch Roswell ist nicht nur das Epizentrum der amerikanischen UFO-Industrie, wie unzählige  Souvenirshops mit Schlüsselanhängern, Aufklebern, Magneten und aufblasbaren grünen Alien-Puppen beweisen. Für die große Masse der Bevölkerung ist  der Begriff „Roswell“ – neben „Area 51“ zu einem der wichtigsten Symbole für die gesamte UFO-Thematik geworden – sozusagen das erste Wort, das ihr beim Thema UFOs durch den Kopf schießt. „Roswell“ wiederum wird in Massenmedien meist als Pilgerort durchgeknallter Alien-Jünger portraitiert. Nach Le Bons Theorie, wonach die breite Masse unlogisch, undifferenziert und vorschnell verallgemeinernd denkt, ist das Resultat dieser Assoziationskette klar abzusehen: UFOs ist gleich Roswell ist gleich grüne aufblasbare Alienpuppen.  Alles Blödsinn halt.
Könnte darin vielleicht das Ziel bestehen, das Chase Brandon – und möglicherweise die CIA – verfolgten, als er seine Story von der Roswell-Schachtel in Umlauf brachte? Wenn die CIA wirklich etwas zu vertuschen hat, dann kann es ihr nur Recht sein, dass die öffentliche Aufmerksamkeit sich auf Roswell richtet. Denn Roswell ist der perfekte Schauplatz, um das öffentliche Interesse für UFOs zu bündeln und zu kontrollieren.  Schließlich ist der Fall ist schon lange her und es ist kaum zu erwarten, dass nach 65 Jahren noch irgend etwas Bahnbrechendes enthüllt wird. Solange die Öffentlichkeit nach Roswell schaut, besteht keine Gefahr, dass sie sich mit anderen Fällen beschäftigt, die schwerer zu kontrollieren sind. Zudem haben Chase Brandons „Enthüllungen“ nichts Neues zu Tage gefördert und stellen keinerlei Gefahr für die Glaubwürdigkeit der CIA dar. Es geht nur um einen ehemaligen CIA-Agenten, der mal was in einer Schachtel sah, das ihn in seinem Glauben an UFOs bestärkte. Mehr nicht. Und wir haben gute Gründe, den Aussagen und Absichten des ehemaligen PR-Profis der CIA zu misstrauen.  Denn solche Leute gehen nicht in Rente – niemals – wie Brandon selbst bestätigt: „Ich werde noch bis zu meinem Begräbnis auf die beiden Hüte achten, die ich trage: Meinen eigenen und den, der für immer auf meinem Kopf als früherem CIA Officer sitzen wird.

Sein neues Buch läuft jetzt "wie Hulle"

Dass Brandons „Enthüllungen“ der CIA dazu dienen könnten, das öffentliche Interesse an UFOs gering zu halten, ist also zumindest denkbar. Denkbar ist allerdings auch ein weit banaleres Motiv. Wie der Zufall so will, hat Brandon kurz vor seinem ersten Interview über die „Roswell-Schachtel“ einen Roman veröffentlicht. Den Rezensionen zufolge handelt es sich um einen eher mittelmäßigen New Age-Weltuntergangs-Alien-Thriller, der – Überraschung! – seinen Ausgangspunkt in Roswell nimmt und in dessen Verlauf ein mutiger CIA Agent gegen eine bevorstehende außerirdische Invasion kämpft. Auch ein Weg, um ins Gerede zu kommen. Ersparen wir uns eine Verlinkung und namentliche Nennung dieses Machwerks.